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“Vitalina Varela” von Pedro Costa im Kino – Filmkritik




Hauptdarstellerin Vitalina Varela: Verloren zwischen den Kapverden und Lissabon, zwischen Raum und Zeit


Hauptdarstellerin Vitalina Varela: Verloren zwischen den Kapverden und Lissabon, zwischen Raum und Zeit


Foto: Grandfilm

Pedro Costa bleibt seinen Schauplätzen und Figuren treu. Immer wieder dreht der Regisseur in Lissabon und in dem winzigen Stadtteil Fontainhas, der eigentlich gar nicht mehr existiert, weil er seit Jahren immer weiter abgerissen wird. Immer wieder tauchen in den Werken des Portugiesen die gleichen, oft rätselhaften Charaktere auf. Wer sich einmal auf sie einlässt, vergisst sie nicht mehr. Vitalina Varela, die nach ihrer Darstellerin benannte Titelheldin seines neues Films, ist so eine Figur. 

Die 55-Jährige hatte schon in Costas Film “Cavalo Dinheiro” (2014) einen eindringlichen Auftritt, diesmal spielt sie eine Frau, die aus tragischem Anlass nach Fontainhas zurückkehrt. Ihr Mann, einer jener vielen Menschen, die von den Kapverden nach Portugal ziehen, um sich dort mehr schlecht als recht zu verdingen, ist gestorben. Als Vitalina auf dem Flughafen in Lissabon eintrifft, barfuß, ist die Beerdigung schon drei Tage her. Vitalina kommt zu spät. Aber sie beschließt, in Portugal zu bleiben.

Dennoch bleiben die Kapverden, inmitten des Atlantiks einst Drehscheibe für den Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika, in Costas Film präsent. In vielen, manchmal wie gelähmt vorgetragen Monologen berichtet Vitalina davon, wie sie als junge Frau mit ihrem Mann in kürzester Zeit ein Haus errichtete. Tag und Nacht hätten sie geschuftet, Vitalina schwanger, schweres Baumaterial schleppend.

Die Erinnerung an die Kapverden ist ein geisterhaftes, omnipräsentes Filmmotiv. Manchmal ist sich der Zuschauer nicht ganz sicher, wo sich die Heldin gerade befindet, auf dem Archipel oder in Lissabon. In der ständig herrschenden Nacht mischen sich die Eindrücke. Vitalinas Erzählungen künden von einem neuen Leben in Fontainhas, doch das Haus selbst ist heruntergekommen, eigentlich kaum bewohnbar. Einmal bröckelt ihr unter der Dusche etwas von der Decke auf den Kopf.

Die schwierigen Lebensumstände in dem Armenviertel beschäftigen Pedro Costa seit beinahe 30 Jahren. Nach seinem zweiten Film “Casa de Lava” (1994), der noch auf den Kapverden spielte, erfuhr er von diesem Ort, als er Botengänge erledigte. Entstanden ist daraus eine Art künstlerische Obsession.



Valentina Varela in Costas Film: Auf dem Festival von Locarno ausgezeichnet

Valentina Varela in Costas Film: Auf dem Festival von Locarno ausgezeichnet


Foto: Grandfilm

Costa und seine Hauptdarstellerin wurden für “Vitalina Varela” auf dem Festival in Locarno mit Preisen ausgezeichnet. Insbesondere der Schauspielpreis ist bemerkenswert und vielleicht auch stellvertretend für all die anderen Protagonisten in Costas Werk, die nahezu sämtlich Laien sind – und Bewohner von Fontainhas.

Doch wie ergeht es Zuschauern, die nun, ohne vielleicht je etwas von diesem Regisseur gehört, geschweige denn gesehen zu haben, im Kino sitzen? Die es mit einem Film zu tun bekommen, der eng mit früheren Werken verflochten ist, wenn nicht gar auf ihnen aufbaut. Bestenfalls gelingt es ihnen, sich von einer Welt überwältigen zu lassen, in der nicht immer klar ist, wer lebendig ist und wer tot, was real ist und was nicht.

“Vitalina Varela”

Portugal 2019

Drehbuch: Pedro Costa, Vitalina Varela

Regie: Pedro Costa

Darstellende: Vitalina Varela, Isabel Cardoso, Ventura

Verleih: Grandfilm

Länge: 124 Minuten

Start: 10. September 2020

Menschen scheinen aus dem Nichts hervorzutreten und wieder zu verschwinden. Vitalina spricht ihre Gedanken in die Finsternis, in die Einsamkeit. In den verwahrlosten Betonbaracken herrscht das Elend. Und doch entwickelt der Regisseur aus der Trostlosigkeit viel Schönheit. Die Bilder sind gestochen scharf und muten gleichzeitig vage an. Einen Weg weisen sie dem Zuschauer nicht. Sie deuten vieles an. Und nicht selten fragt man sich: Wann endlich wird es hell?

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