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Volkswagen: VW sieht Diesel-Skandal erst in drei bis fünf Jahren beendet




Volkswagen-Werk am Elbe-Seitenkanal in Wolfsburg: vom Dieselsünder zum globalen Elektroauto-Vorreiter?


Volkswagen-Werk am Elbe-Seitenkanal in Wolfsburg: vom Dieselsünder zum globalen Elektroauto-Vorreiter?


Foto: imago images/MiS

Am 18. September 2015 erhielt der VW-Konzern einen Brief, der die Existenz des ganzen Konzerns bedrohte. Die US-Umweltbehörde EPA warf dem weltgrößten Autohersteller darin vor, jahrelang die Motoren seiner Dieselfahrzeuge manipuliert zu haben. VW drohten Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe, der Aktienkurs rauschte in die Tiefe, die gesamte Autoindustrie geriet in Verruf. Der Dieselantrieb, jahrelang Exportschlager von BMW, Daimler und Volkswagen, verkam zum Ladenhüter. 

Fünf Jahre später scheint der Konzern das Gröbste überstanden zu haben. Schon wenige Jahre nach Dieselgate erreichte VW – zumindest bis zum Corona-Ausbruch – wieder neue Rekordwerte bei Absatz und Gewinn. Am Montag schloss Volkswagen außerdem ein wichtiges Kapitel in der Aufarbeitung der Affäre ab.

Der Konzern gab bekannt, dass US-Aufpasser Larry Thompson seine Untersuchungen abgeschlossen hat. Der amerikanische Jurist hat dem Konzern nun offiziell bescheinigt, aus der Affäre gelernt zu haben. Die nötigen Vorkehrungen, damit es kein zweites Dieselgate mehr gibt, seien getroffen. Volkswagen sei “heute ein besseres Unternehmen als vor drei Jahren”, erklärt Thompson. Im Sommer 2017 hatte er sein Mandat als sogenannter US-Monitor im Auftrag der amerikanischen Justiz angetreten – und den Neustart des VW-Konzerns mit einem Team von mehr als hundert Mitarbeitern überwacht.  

Ist der Skandal nun endgültig Geschichte? Wohl kaum. Sogar der VW-Konzern, der die Affäre lieber heute als morgen hinter sich lassen würde, warnt vor voreiligen Schlüssen. “Der Monitor hat uns offiziell bescheinigt, dass wir nachhaltig auf einem guten Weg sind”, sagte Volkswagens Rechtsvorständin Hiltrud Werner dem SPIEGEL. “Jetzt müssen wir aber beweisen, dass wir dieses Vertrauen auch verdient haben.” Thompsons Abschied sei “ein Meilenstein, aber noch nicht das Ende”, so Werner, “wir haben noch einen weiten Weg vor uns.” 

Zum Abschluss seines Mandats hat Thompson noch einmal Einzelgespräche mit sämtlichen wichtigen Spitzenmanagern geführt. Alle VW-Vorstände sind jetzt in der Pflicht, Verantwortung für Gesetz und Moral zu übernehmen. So ist Porsche-Chef Oliver Blume künftig im Konzernvorstand für Umweltrecht und -management zuständig. Personalvorstand Gunnar Kilian muss dafür sorgen, dass der neue VW-Verhaltenskodex in Personal- und Führungskräftetrainings auch tatsächlich vermittelt wird. Finanzchef Frank Witter hat sich verpflichtet, für all diese Maßnahmen genügend Geld zur Verfügung zu stellen.

Die Folge: Sollte sich Dieselgate wiederholen, dürfte es den Topmanagern heute deutlich schwerer fallen, die Verantwortung einfach auf nachrangige Techniker und Motorenbauer abzuwälzen – wie nach dem 18. September 2015. Bis heute bestreitet der Konzern, dass Vorstände in den millionenfachen Dieselbetrug involviert gewesen seien.

Die Justiz beurteilt den Fall anders: Vergangene Woche hat das Landgericht Braunschweig eine Anklage gegen Ex-Volkswagen-Chef Martin Winterkorn wegen schweren Betrugs zugelassen. Auch der frühere Audi-Chef Rupert Stadler, der wie Winterkorn alle Vorwürfe zurückweist, muss bald vor Gericht.

Volkswagen selbst hat zwar keine unkalkulierbaren Strafen mehr zu befürchten. Mit der amerikanischen und der deutschen Justiz hat der Konzern längst milliardenschwere Vergleiche ausgehandelt. Insgesamt summieren sich Volkswagens Rechtskosten damit auf gut 30 Milliarden Euro. Für Rechtsvorständin Werner ist die ganze Affäre aber erst abgeschlossen, “wenn der letzte Prozess gegen eine Einzelperson beendet ist”. Das könne noch drei bis fünf Jahre dauern. “Die Dieselkrise ist also noch lange nicht vorbei”, so Werner. Vor allem müsse der Konzern verlorene Reputation gegenüber Kunden und Behörden zurückgewinnen. “Vertrauen ist schnell zerstört”, sagt Werner, “aber es dauert lange, bis es wieder aufgebaut ist.”

Unter anderem bemüht sich VW, wieder in den Global Compact aufgenommen zu werden, einen weltweiten Nachhaltigkeitspakt zwischen den Vereinten Nationen und führenden Wirtschaftsunternehmen. Nach Dieselgate musste Volkswagen das prestigeträchtige Bündnis verlassen. Eine Rückkehr des Autokonzerns wäre ein wichtiges Signal: Schließlich will sich Volkswagen vom Dieselsünder zum globalen Elektroauto-Vorreiter wandeln.

Sollte der geplante Kulturwandel jedoch misslingen, bekommt VW ein echtes Problem – zumindest nach Ansicht des US-Monitors. “Einen zweiten Dieselskandal”, sagte Larry Thompson vergangenes Jahr im SPIEGEL-Interview, “würde Volkswagen nicht überleben.”

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