Spiegel

Volvo VCC: Dramatisch simpel




Groß aber friedlich: Der Volvo VCC sieht ein bisschen aus wie ein Felsblock, überzogen von einer dünnen Moosschicht


Groß aber friedlich: Der Volvo VCC sieht ein bisschen aus wie ein Felsblock, überzogen von einer dünnen Moosschicht


Foto: Volvo

Das Wort “hygge” war im Jahr 2003 außerhalb Skandinaviens praktisch unbekannt. Ganz gut gepasst hätte es auch jenseits von Schweden schon zu jener Studie, die Volvo damals auf dem Autosalon in Genf enthüllte. Denn das Modell VCC – eine Abkürzung für “Versatility Concept Car” (etwa: Vielseitigkeits-Konzeptauto) – war auf seine Weise wohnlich, einfach und natürlich. Die Attribute stecken im Schlagwort “hygge” (laut Duden: heimelig) und stehen für diese Form skandinavischen Lifestyles.



Schönes Ding: Volvo VCC

Foto: Volvo

Der Wagen war jedoch nicht nur in puncto Lebensgefühl seiner Zeit voraus, sondern auch wegen einiger technischer Raffinessen. Im Glasdach der Studie, das sich über eine X-förmige Metallverstrebung erstreckte, war ein Solarmodul integriert. Es erzeugte Strom für einen neuartigen Luftreiniger, den “Volvo Ambient Air Cleaner”. Der filterte Kohlenwasserstoffe und Stickoxide aus der Umgebungsluft, ehe sie in den Innenraum gefächert wurde. Das Lüftungssystem arbeitete dank der Stromversorgung aus dem Dachmodul auch, wenn das Auto parkte und der Motor abgestellt war.

Helles Ambiente, gefilterte Atemluft

Erwünschter Nebeneffekt des Glasdachs: Im VCC war es viel heller als in herkömmlichen Fahrzeugen, weshalb das ohnehin geräumige Auto noch einladender und großzügiger wirkte. Zudem griffen die Volvo-Entwickler mit dem Panoramadach eine Idee auf, die damals noch ganz frisch war. Auf der Studie dehnte sich das Glas über die komplette Dachpartie aus.

Saubere Atemluft in einem freundlich-frischen Innenraum – da sollte auch der Antrieb des Autos möglichst umweltfreundlich sein. Die Volvo-Ingenieure hatten dazu ein eigenwilliges Hybridsystem entwickelt. Es bestand aus einem Sechszylinder-Reihenbenziner mit 2,6 Liter Hubraum, Turboaufladung und 250 PS Leistung. Der Motor verfügte über eine Start-Stopp-Automatik und eine besondere Motortechnik: Sie erhöhte im Teillastbetrieb die Kompression in den Zylindern so stark, dass sich das besonders magere Kraftstoff-Luft-Gemisch selbst entzündete.

Zu diesen Extras kam ein 42-Volt-Bordnetz inklusive einer E-Maschine, die den Benziner beim Beschleunigen unterstützte und beim Ausrollen des Autos elektrische Energie zurückgewann. Resultat des Aufwands war ein Durchschnittsverbrauch von 6,5 Liter je 100 Kilometer. Ein Audi A6 Avant mit vergleichbarer Leistung aus jener Zeit verbrauchte laut Norm 11,0 Liter je 100 Kilometer. Volvo wies damit den Weg: Seit 2016 gibt es Bordnetze mit etwas stärkerer Spannung (48 Volt) in Serienautos vieler Marken, darunter Audi. Sie helfen ebenfalls, Energie zurückzugewinnen.

Abbiegen aus dem Mainstream

“Volvo traut sich, anders zu sein”, sagte der damalige Unternehmenschef Hans-Olov Olsson bei der Premiere des VCC. Statt wie das Gros der Hersteller auf immer mehr Leistung und Rasanz zu setzen, war Volvo in Richtung Fahrkomfort und Nutzwert unterwegs.

Die Studie VCC sollte das deutlich machen. Und zugleich sollte sie an Volvos Tradition als nordische Nonkonformitäts- und vor allem Kombi-Marke erinnern. Denn 1953 hatte Volvo mit dem Modell PV 445 “Duett” erstmals einen Kombi auf den Markt gebracht, und das erste halbe Jahrhundert Kombi-Geschichte sollte mit dem VCC gefeiert werden. Schließlich waren Kombis damals noch die meistverkauften Typen der schwedischen Marke, zudem hatten vor allem die unprätentiösen Langheck-Pkw Volvos Image als Hersteller nahezu unverwüstlicher Alltagsautos begründet.

Die Überraschungen schlummern im Heck

Zum Jubiläum sollte der VCC demonstrieren, dass Volvo weiterhin auf Kombi setzte – obgleich die Marke im Jahr zuvor mit dem XC 90 erstmals ein SUV vorgestellt hatte. Und so dachten sich José Diaz de la Vega, der zu dieser Zeit das strategische Design von Volvo leitete, und seine Teams in Göteborg und Barcelona ein paar Besonderheiten für den Laderaum der Studie aus. Dort gab es einen elektrisch ausfahrbaren Ladeboden, einen eingebauten Tresor in der rechten Seitenwand sowie zwei große, voneinander getrennte Staufächer im Unterboden, von denen eines gekühlt, das andere beheizt werden konnte.

Thermofächer und Tresor schafften es nicht in die Serienfertigung. Andere Ideen des VCC fanden sich in späteren Volvo-Modellen wieder – wie das reduzierte und gemütliche Interieur, die effiziente Antriebstechnik und die markante und doch geschmeidige Karosserie.

Die Studie VCC gehört heute zum Bestand des Volvo-Museums in Arendal, einem Vorort im Westen von Göteborg.

Icon: Der Spiegel