Spiegel

Wahl zum “Jugendwort des Jahres”: “Mittwoch ist ein ganz normales Wort”






“Stramme Memes”: “Frösche sind cool, süß und witzig. Sie sollten nicht dazu benutzt werden Hass von Rechtsextremen zu verbreiten.” 

Seit 2008 kürt der Langenscheidt-Verlag das “Jugendwort des Jahres”. Gewählt wurde es bislang durch eine Jury des Verlags, die Kritik daran war immer die gleiche: Mit wahrer Jugendsprache haben die Gewinnerworte wenig zu tun. Die Aktion wurde als rein kommerzielle Werbeaktion des Verlags kritisiert, vergangenes Jahr wurde die Wahl deshalb ausgesetzt. In diesem Jahr soll die Jugend selbst entscheiden, im Netz konnten Vorschläge für die Abstimmung eingereicht werden.

Inzwischen stehen die Top-Ten fest. Für einen Vorschlag ist ein 23-Jähriger aus München verantwortlich. Zum Interview in einem Café in der Innenstadt erscheint er in einem T-Shirt, auf dem ein Engel mit Maschinengewehr abgebildet ist. Er will anonym bleiben, dem SPIEGEL ist seine wahre Identität jedoch bekannt. Zu Beginn des Treffens schiebt er einen Umschlag über den Tisch, darin sind Sticker mit Fröschen, dem Markenzeichen seiner Meme-Seite auf Instagram “Stramme Memes“. 

SPIEGEL: Das Wort “Mittwoch” steht zur Wahl beim “Jugendwort des Jahres” – und Sie haben es vorgeschlagen. Warum? 

Stramme Memes: Ich habe diese Wahl bislang immer nur am Rande mitbekommen. Ich glaube, dass die Verantwortlichen jedes Jahr bislang immer absichtlich etwas Schlechtes ausgewählt haben, um zu polarisieren, damit sich die vermeintlich Erwachsenen darüber aufregen können. Denn Wörter wie “Smombie” oder “Gammelfleischparty” benutzt ja kein Mensch – schon gar kein Jugendlicher. Ich habe gesehen, dass dieses Jahr “Hurensohn” im Rennen ist. Ich fand das witzig und habe auch für Hurensohn abgestimmt. Leider wurde das dann disqualifiziert, weil das Wort diskriminierend ist, das wäre fairerweise auch zu krass gewesen. Also habe ich “Mittwoch” als Alternative vorgeschlagen. Es ist meine Form der Kritik, weil Langenscheidt seit 2008 aus meiner Sicht schwachsinnige Wörter ausgewählt hat. 

SPIEGEL: Und “Mittwoch” als Jugendwort ist nicht schwachsinnig? 

Stramme Memes: Immerhin sagt jeder “Mittwoch”, es ist ein ganz normales Wort. So normal, dass es auf eine Meta-Weise sehr lustig wäre, ein solch gewöhnliches Wort gewinnen zu lassen. Aber natürlich gibt es auch einen Bezug zu meiner Instagram-Seite “Stramme Memes”. Ich poste seit vier Jahren jeden Mittwoch ein zusammengebasteltes Bild von einem Frosch und schreibe dazu: “Es ist Mittwoch meine Kerle”. Auf meinem Handy habe ich einen Ordner mit über 300 Froschbildern. Der Ursprung ist ein englisches Meme, das ich – wie viele andere auch – vor vier Jahren einfach wörtlich ins Deutsche übersetzt habe. Wer das nicht kennt, findet es nicht lustig. Das ist aber bei den meisten Memes so. 

SPIEGEL: Wie erklären Sie jemandem, der das Wort nicht kennt, was ein Meme ist?

Stramme Memes: Ein Meme ist ein Internetphänomen. Es ist ein Foto oder Text, das im besten Fall Zeitgeist und einen politischen oder kulturellen Inhalt vermittelt. Manchmal bedeuten sie gar nichts, sind einfach nur lustig. Wie ein Insider-Witz. Wer den jeweiligen Hintergrund nicht kennt, versteht viele Memes nicht. Durch den Hype um das Jugendwort kommen jetzt neue Leute auf meine Seite und schauen sich meine Memes mit den Fröschen an – 99 Prozent verstehen den Mittwoch-Gag sicher trotzdem nicht. 

SPIEGEL: Erklären Sie ihn uns? 

Stramme Memes: Ich verstehe es ja teilweise selbst nicht.

SPIEGEL: Und den Mittwoch-Frosch haben Sie einfach nur geklaut? 

Stramme Memes: Im Prinzip ja. Die wenigsten denken sich wirklich irgendwas selbst aus. Wenn ein Meme lustig ist, dann remixen Leute das und machen andere Versionen davon. Und wenn es ganz gut oder schlecht läuft, erreicht es den Mainstream.

SPIEGEL: Wieso sollte das schlecht sein? 

Stramme Memes: Dann gelangt das in die Hände von Leuten, die es für sich und ihre Zwecke nutzen wollen. Wie es zum Beispiel die Sparkasse, die Werbung mit “i bims” gemacht hat, nach dem Motto: Hallo Jugend, wir sind auf eurer Ebene. Leider finde ich es dann nicht mehr lustig. Vielleicht ist das wie bei Musik-Nerds: Sobald ein Song im Radio läuft, ist es vorbei. 

“In den meisten Fällen sind Gags nicht übertragbar”

SPIEGEL: Funktioniert Ihr Humor also nur im Internet? 

Stramme Memes: In den meisten Fällen sind die Gags nicht übertragbar. Es gibt viele verschiedene Arten von Humor. Meiner ist eher flach. 

SPIEGEL: Wieso wollen Sie anonym bleiben? 

Stramme Memes: Mit meinen Memes bin ich politisch – auch manche meiner Froschmemes haben eine Message. Ich feuere gegen die AfD und habe keine Lust, dass Rechte mich noch mehr belästigen. Immer wieder gerät mein Account in die Bubble von rechten Gruppen und mich erreichen entsprechend unfreundliche Privatnachrichten. Außerdem arbeite ich in einem normalen 40-Stunden-Job im Maschinenbaubereich. Ich will von meinen Kollegen, die meisten sind so alt wie meine Eltern, nicht belächelt werden. 

SPIEGEL: Warum haben Sie dann aber ausgerechnet den Frosch Pepe als Profilbild, der vor allem von Rechten genutzt wird?

Stramme Memes: Das sah bei meinem Start vor vier Jahren noch ganz anders aus. Während der US-Wahl 2016 haben Rechte Pepe für sich missbraucht. Selbst der Künstler Matt Furie, der den Frosch erfunden hat, hat sich davon distanziert. Wer auf meine Seite kommt, Pepe sieht, der eine kleine Deutschlandflagge hält, erwartet wohl Memes aus dem rechten Spektrum. Aber das Gegenteil ist der Fall. Frösche sind cool, süß und witzig. Sie sollten nicht dazu benutzt werden Hass von Rechtsextremen zu verbreiten. 

SPIEGEL: Die Rechten sagen, Linke sind schlecht im Internethumor – wie sehen Sie das?

Stramme Memes: Im amerikanischen Raum sind die Meme-Seiten der Rechten viel populärer. In deutschsprachigen Raum sind die bekannten Seiten meiner Meinung nach eher links angehaucht oder offen links. Zum Beispiel EL Hotzo, Sodastreamfan oder auch Berlin Club Memes. Selbst wenn die Memes nicht explizit politisch sind, merkt man, dass eine Person mit linker Meinung dahintersteht. 

SPIEGEL: Finden denn Ihre Eltern Ihre Memes lustig? 

Stramme Memes: Sie wissen zwar, was ich mache. Aber sie verstehen das nicht. Das ist ein Generationen-Ding. Ich kenne niemanden in meinem Alter, der Mario Barth witzig findet. Meine Eltern aber bestimmt den ein oder anderen.

SPIEGEL: Sie sind 23 – so jung ist das auch nicht mehr. 

Stramme Memes: Langsam merke ich schon, dass ich manche Jugendtrends nicht mehr nachvollziehen kann. Ich gehöre beispielsweise zu einer Generation, die mit TikTok nichts mehr anfangen kann. Wenn ich drei Jahre jünger wäre, dann hätte ich bestimmt einen Account. Die Internetkultur verändert sich stetig, langsam wachse ich auch aus manchen Dingen raus. 

SPIEGEL: Wir rechnen Sie sich die Chancen aus, dass “Mittwoch” zum Jugendwort 2020 gewählt wird? 

Stramme Memes: Mittlerweile hat diese Abstimmung den Mainstream erreicht. Und der Mainstream versteht den Gag hinter “Mittwoch” nicht, deswegen werden jetzt Erklärungen für den bisherigen Erfolg gesucht. Ich vermute, dass mehrere Tausende meiner Follower für mich abstimmen, weil sie dem Link folgen, den ich in meiner Story teile. Die “Süddeutsche Zeitung” hat meinen Frosch schon “hässliche Kröte” genannt. Sollen sie machen. Für Fußballfans ist der Samstag heilig, für meine Froschfans und mich eben der Mittwoch. Ich kann mir vorstellen, dass “cringe” oder “wyld” gewinnt, weil es für die meisten wohl mehr wie ein Jugendwort aus den Jahren davor klingt. Aber es kann auch sein, dass Protestwähler meinen Vorschlag unterstützen und den Tag der Kerle zum Jugendwort 2020 wird.