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Warum Indien jetzt TikTok und 58 weitere Apps aus China verbietet

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Rund 120 Millionen Inder nutzen die Video-App TikTok


Rund 120 Millionen Inder nutzen die Video-App TikTok

SANJEEV GUPTA/EPA-EFE/Shutterstock

Wer – als es vor Corona noch erlaubt war – durch indische Einkaufszentren oder Parks geschlendert ist, hat solche Szenen oft zu Gesicht bekommen: Junge Männer und Frauen, die sich mit ihren Smartphones filmten; die tanzten und sangen, berühmte Filmszenen nachstellten oder gleich ihre eigenen erfanden. Ein besonders beliebtes Motiv: der sitzengelassene Geliebte.

TikTok ist in Indien enorm beliebt; viel mehr noch als in Deutschland. Die App brachte Menschen zusammen, die sich in Indien sonst selten über den Weg laufen: Arme und Reiche, Stadt- und Landbewohner, Berühmtheiten wie auch gewöhnliche Bürger.

Da war die junge Polizistin, die auf der Wache tanzte (und daraufhin entlassen wurde), der Bauer, der vor einer Herde Kühe herlief und zu einem schwermütigen Lied die Lippen bewegte. Es gab Dorfbewohner, von deren Namen vorher nie jemand was gehört hatte, aber die auf einmal eine Gefolgschaft von Millionen Menschen hatten.

“TikTok war immer besser als Instagram”, sagt die 15-jährige Sunaina Pawar aus Bangalore. “Es kommt nicht darauf an, wie schön dein Foto ist, wie toll deine Kamera oder dein Handy. Das einzige was zählt, ist, wie kreativ du bist.”

Sorgen um Sicherheit und die öffentliche Ordnung

Mit all dem ist es seit gestern Abend vorerst vorbei. Da verbot die indische Regierung 59 chinesische Smartphone-Anwendungen. Darunter befinden sich ein beliebter Browser, ein Versandhandel für Kleidung und eine Software zum Scannen von Dokumenten. Die App mit der größten Verbreitung ist jedoch TikTok, die zur Firma ByteDance in Peking gehört.

Laut indischer Regierung hätten vor allem Sicherheitsbedenken und Sorgen um die öffentliche Ordnung bei der Entscheidung eine Rolle gespielt. Das Ministerium für Informationstechnologie habe mehrere Berichte erhalten, wonach Nutzerdaten von einigen dieser Apps missbraucht und auf Server außerhalb des Landes übertragen würden, hieß es in einer Mitteilung. Die Apps seien “in Aktivitäten verwickelt, die schädlich sind für Indiens Souveränität und Integrität, die Verteidigung und nationale Sicherheit sowie die öffentliche Ordnung”. Das erfordere “Notfallmaßnahmen”.

Inzwischen sind TikTok und die betroffenen Apps nicht mehr im Google Play Store und im Apple App Store zu finden.

Ein möglicher Grund: Der Tod 20 indischer Soldaten

Neu sind die Sicherheitsbedenken nicht. Schon in der Vergangenheit haben indische Parlamentarier Zweifel am Datenschutzniveau chinesischer Angebote geäußert, auch US-amerikanische Politiker haben ähnliche Überlegungen angestellt. Immer wieder haben zudem Sicherheitsexperten davor gewarnt, dass chinesische Firmen womöglich Nutzerdaten mit der Regierung in Peking teilen könnten. Aber der Zeitpunkt der indischen Entscheidung legt nahe, dass die Angst um die Privatsphäre der Nutzer nicht der einzige Beweggrund für Neu-Delhi gewesen sein wird.

Das Verhältnis zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt ist derzeit äußerst angespannt. Erst vor zwei Wochen kam es im Grenzgebiet im Himalaja zwischen Streitkräften beider Seiten zu einer Auseinandersetzung, mindestens 20 indische und eine unbekannte Zahl chinesischer Soldaten starben.

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Indische Demonstranten verbrannten in den Tagen darauf Poster mit dem Gesicht des chinesischen Präsidenten Xi Jinping; einige Handelsverbände forderten dazu auf, chinesische Güter zu boykottieren. Die indische Regierung brachte das in eine schwierige Lage: Sie muss stark erscheinen, aber ihre Optionen gegenüber dem Nachbarn sind begrenzt.

Chinas Streitkräfte sind nicht nur größer als die indischen. Indiens Wirtschaft könnte im Zuge der Coronakrise dieses Jahr zum ersten Mal seit 40 Jahren schrumpfen; die Zahl der Armen zum ersten Mal wieder steigen. Zölle auf chinesische Importe könnten dem eigenen Land mehr schaden als China.

Chinesische Firmen haben in etliche Apps investiert

Stattdessen hat die Regierung nun Firmen ins Visier genommen, deren Produkte viele Inder lieben, aber auf die das Land nicht angewiesen ist. Denn ob Inder weiter Videos bei TikTok hochladen, wird am indischen Wirtschaftswachstum wenig ändern; am chinesischen womöglich schon.

Indien stellt für ByteDance den größten Markt außerhalb Chinas dar. Die App soll ingesamt mehr als 600 Millionen Mal heruntergeladen worden sein, rund 120 Millionen Inder sollen die App regelmäßig benutzen. Der UCBrowser, der ebenfalls verboten wird, hat immerhin einen Marktanteil von 13 Prozent. Aber was am indischen Markt verlockend ist, ist vor allem sein Potenzial: In Indien leben 1,37 Milliarden Menschen, nur rund die Hälfte von ihnen haben bislang ein Smartphone. Auch für chinesische Firmen ist Indien damit der größte Wachstumsmarkt.

Die Frage ist nun einerseits, ob die Regierung es bei den jetzigen Maßnahmen belässt. Die Mumbaier Denkfabrik “Gateway House” schätzt, dass chinesische Firmen während der letzten fünf Jahre vier Milliarden Dollar in indische Start-ups investiert haben. 18 der 30 der heute wertvollsten Firmen in der Branche sind zwar in Indien entstanden, aber zu ihren größten Investoren zählen schon lange chinesische Firmen. Und andererseits, ob China irgendeine Vergeltungsmaßnahme beschließen wird.

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