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Was trans Männer beim Gynäkologen erleben

Fragende Blicke im Wartezimmer, als Frau statt Herr aufgerufen werden – ein Termin bei Gynäkolog*innen kann für viele trans Männer belastend sein. Einige gehen deshalb nicht mehr hin.

„Man fühlt sich wie ein Kieselstein im Schuh. Man ist einfach nicht am richtigen Ort“, sagt Henri Jakobs, wenn man ihn nach seinen Erfahrungen bei Gynäkolog*innen fragt. Henri lebt in Berlin, ist Musiker und Autor und trans. Für ihn passt das Geschlecht, das ihm bei seiner Geburt zugeordnet wurde, nicht zu seinem Selbstverständnis. Vor fünf Jahren begann Henri seine Transition, die Anpassung seines Äußeren an seine Geschlechtsidentität. Damals war er Anfang 30. „Ich dachte ganz lange, ich wäre einfach depressiv und unglücklich“, sagt Henri. Bis er auf Instagram auf andere trans Männer stieß, die dort von ihrem Leben berichteten. „Dadurch hab ich mich überhaupt erst getraut, mich gedanklich damit zu befassen.“ Seit vier Jahren bekommt Henri Testosteron gespritzt. Heute hat er eine flache Brust und einen Bart.

Einige trans Männer entscheiden sich dafür, sich Uterus und Eierstöcke entfernen zu lassen. Bis 2011 war diese Operation sogar notwendig, um nach dem Transsexuellengesetz den Geschlechtseintrag ändern zu dürfen. Das Bundesverfassungsgericht urteilte jedoch, dass diese erzwungene „dauerhafte Fortpflanzungsunfähigkeit“ mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei.

Trans Männer sind Männer, egal, ob sie einen Uterus haben oder nicht. Das operative Entfernen von Uterus und Eierstöcken führt allerdings dazu, dass die Notwendigkeit für Besuche bei Gynäkolog*innen wegfallen. Für viele trans Männer eine große Erleichterung. Für diejenigen, die sich gegen eine solche OP entscheiden, wird eine regelmäßige gynäkologische Untersuchung weiterhin empfohlen.

Bei gynäkologischen Untersuchungen müssen trans Menschen sich mit den Geschlechtsorganen auseinandersetzen, zu denen sie keinen Bezug haben

Henri war seit fast vier Jahren nicht mehr in einer gynäkologischen Praxis. „Es war in meinem Fall nie der Ort, bei dem ich gesagt habe: Hier kann ich mich jemandem anvertrauen“, sagt er. Die Differenz zwischen den biologischen Geschlechtsmerkmalen, mit denen eine trans Person geboren wurde, und ihrer Geschlechtsidentität kann zu einem starken Leidensdruck führen. In der Medizin wird dieser Leidensdruck Geschlechtsdysphorie genannt.

Gerade bei gynäkologischen Untersuchungen müssen trans Menschen sich jedoch mit den Geschlechtsorganen auseinandersetzen, zu denen sie keinen Bezug haben. Bei trans Männern beispielsweise Uterus oder Eierstöcke. Das kann schmerzhaft sein. „Man befasst sich mit etwas, das man hasst“, sagt Henri. Zu seiner letzten Untersuchung im Jahr 2016 ringt er sich nur durch, weil seine Krankenkasse den Befund fordert. Andernfalls hätte sie die Kosten für seine Mastektomie, die Entfernung seiner Brüste, nicht übernommen.

Beim Aufrufen des Namens gab es dann verwirrte Blicke.


Henri

Vor dem Termin ist Henri aufgeregt. Er beschreibt diese Zeit als „sensible Phase“ und „Schnittstelle“: Henri selbst weiß bereits, dass er ein Mann ist. Aber noch steht sein alter Name auf der Krankenkassenkarte. Für die Mitarbeiterin am Empfangstresen der Praxis ist er „Frau Jakobs“. Im Wartezimmer fühlt sich Henri unwohl. Die anderen anwesenden Männer halten die Hand ihrer schwangeren Partnerin oder begleiten eine Freundin. Ein Mann ohne weibliche Begleitung, das scheint viele zu irritieren. „Beim Aufrufen des Namens gab es dann verwirrte Blicke“, erinnert sich Henri. Er habe sich wie auf dem Präsentierteller gefühlt, wie ein „Zirkuspony, das durch die Manege reiten muss“.

Wenn trans Männer Hormone nehmen und mit Bart und tiefer Stimme in einer sogenannten Frauenarztpraxis auftauchen, laufen sie Gefahr, durch ihr männliches Erscheinungsbild aus der Norm zu fallen. Sind trans Männer hingegen noch in den frühen Stadien ihrer Transition, werden sie womöglich von anderen nicht als Männer erkannt. Beides kann verletzend für die Person sein.

Bei einer Umfrage gab fast die Hälfte der Befragten trans Personen an, dass es für sie „sehr wichtig“ sei, mit ihrer selbst gewählten Anrede angesprochen zu werden. Auch Henri glaubt, dass es ihm damals sehr geholfen hätte, wenn er nach seinen Pronomen oder Wunschnamen gefragt worden wäre. „Du weißt dann: Hier sieht man mich so, wie ich bin.“

Von den trans Männern aus seinem Umfeld gehe keiner freiwillig zu gynäkologischen Untersuchungen, sagt Henri. Die Angst vor negativen Reaktionen von Mitarbeiter*innen oder anderen Patient*innen, aber auch der Behandlung selbst, sei zu groß. „Man ist in einer Situation, die man sich nicht ausgesucht hat, und ist der Willkür vieler Menschen ausgeliefert“, sagt Henri. An seine letzte Behandlung erinnert er sich kaum noch.

Für trans Menschen, die keine Verbindung zu ihren Geschlechtsorganen haben, kann es traumatisch sein, wenn sie an diesen Stellen berührt werden oder bei einer Untersuchung ein Vaginalspekulum oder ein Ultraschallstab in sie eingeführt wird. Vor allem, wenn sie von den Ärzt*innen dabei nicht emotional begleitet werden. Jede zweite trans Person gibt an, im Gesundheitsbereich Diskriminierung erfahren zu haben. Der trans Mann Linus Giese beschreibt in seinem Buch Ich bin Linus, wie er in Berlin bei einer Gynäkologin auf dem Stuhl lag. Die Untersuchung habe wehgetan, währenddessen stellte ihm die Ärztin Fragen wie: Wollen Sie sich operieren lassen, Frau Giese? Sie habe ihn gar nicht gesehen oder wahrgenommen. „Ich war kein Mann für sie, das spürte ich in den Sekunden in diesem Stuhl ganz deutlich“, schreibt Giese.

Transsensible Gynäkolog*innen gibt es in Deutschland nur wenige

„Wir alle kennen Personen, die in der Gynäkologie schlechte Erfahrungen gemacht haben“, erzählt Maxi. Sie ist Teil eines queerfeministischen Kollektivs aus Hamburg, das das Projekt Gynformation gegründet hat. Auf einer digitalen Liste sammeln sie Empfehlungen für Gynäkolog*innen, bei denen Patient*innen gern in Behandlung waren – zum Beispiel, weil der*die Ärzt*in im Umgang mit trans Männern geschult ist oder die Praxis barrierefrei ist. Seit dem Start finden sich dort fast 300 Profile von Praxen. Ein positiver Fokus ist dem Kollektiv wichtig: Statt Schilderungen von traumatischen Erlebnissen werden die Adressen empfehlenswerter Gynäkolog*innen geteilt.

Von trans Personen habe es von Anfang an viele Rückmeldungen gegeben, sagt Alina, die Initiatorin von Gynformation: „Es gibt viel Feedback, das hervorhebt, wie wichtig es in der gesundheitlichen und medizinischen Versorgung ist, diese Sensibilisierung zu schaffen. Gerade in der Gynäkologie ist der Blick sehr wichtig, weil die Erfahrungen oft besonders traumatisierend oder diskriminierend sind und die Person in ihrer ganzen Identität nicht anerkennen.“

Wir alle kennen Personen, die in der Gynäkologie schlechte Erfahrungen gemacht haben.


Maxi vom Projekt Gynformation

Dr. Gerd Jansen, Seniorpartner in einer gynäkologischen Praxis im bayerischen Olching, ist einer der wenigen Spezialist*innen für transsensible Gynäkologie in Deutschland. Denn das Thema findet in der Ausbildung kaum statt. Erst 2018 beschloss der Deutsche Ärztetag, dass Sexualmedizin, die auch Transidentität und Geschlechtsinkongruenz umfasst, flächendeckend verpflichtend von den Landesärztekammern angeboten werden muss. Doch nicht in allen Bundesländern wurde der Beschluss bereits umgesetzt.

Umso positiver sind die Rückmeldungen, die er erhalte, sagt Jansen: „Das merke ich spätestens dann, wenn die trans Patient*innen die Praxis verlassen, strahlen und sagen: ‚Mei, hätte ich gar nicht gedacht, dass ich mich hier so wohlfühlen kann bei euch.’“

In Schulungen werden seine Mitarbeiter*innen mit der korrekten Ansprache von trans Personen vertraut gemacht. Wenn der Name oder der Personenstand in den offiziellen Dokumenten noch nicht geändert wurde, fragt das Personal an der Rezeption nach, wie eine Person angesprochen werden möchte. Besonders wichtig ist Jansen der offene und empathische Umgang mit den Patient*innen, und dass Transidentität als „ganz selbstverständlich“ angesehen wird. Um die Ängste vor einem gynäkologischen Arztbesuch abzubauen, bietet er auch Beratungsgespräche über Videosprechstunden an. Seine Erfahrungen in der Behandlung von trans Menschen gibt Jansen seit neun Jahren in Seminaren des Berufsverbands der niedergelassenen Gynäkolog*innen an Kolleg*innen weiter.

Vermeintliche Kleinigkeiten wie der richtige Name können einen großen Unterschied machen

Einen sensiblen Umgang und Rücksichtnahme auf seine Bedürfnisse kennt Henri nicht von Gynäkolog*innen. Auch vor seinem Coming-out und dem Beginn der Transition war er nicht oft dort; damals noch ohne genau zu wissen, warum er das eigentlich als so furchtbar empfand. „Ich habe es gehasst“, sagt Henri. Rückblickend hätte er sich mehr Unterstützung von Ärzt*innen gewünscht: „Ich glaube, es wäre generell die Aufgabe als Ärzt*in, mehr zuzuhören, was der Mensch, der da zu mir kommt, sagt.“ Doch dafür fehle es oft an Zeit oder dem Wissen, wie man trans Menschen unterstützen kann.

Unter welchen Umständen er sich vorstellen könnte, mal wieder eine*n Gynäkolog*in aufzusuchen, da ist sich Henri im Moment noch unsicher. Wichtig wäre für ihn, vorab zu wissen, dass er dort nicht gegen verschlossene Türen rennt. Ein kleiner Vermerk auf der Website, dass eine Praxis transsensible Untersuchungen anbiete, könne schon helfen. Außerdem müsse die Behandlung von trans Personen fester Bestandteil des Medizinstudiums werden. Ärzt*innen und ihre Teams sollten aber nicht nur in der medizinischen Behandlung geschult werden, sondern auch wissen, dass vermeintliche Kleinigkeiten einen großen Unterschied machen können: mit dem richtigen Namen angesprochen werden, um sich gesehen und willkommen zu fühlen.