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Wenn Kinder sich verlieben [Elternkolumne]




Erste Liebe: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht ...


Erste Liebe: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht …


Foto: Bryan Rupp / Stocksy United

Sie müssen entschuldigen, wenig Zeit heute, ich muss gleich los, es ist Stallzeit: Bauer Hauser fährt mit dem Hänger das frisch gemähte Gras in den Kuhstall, und wir schaufeln die Futterberge mit Mistgabeln vor die 70 Milchkühe, die hungrig vom Melken kommen. Was so eine Kuh binnen Minuten an Gras verschlingen kann, unvorstellbar. Dutzende Kilogramm, pro Tag!

Sie merken schon: Wir machen Urlaub auf dem Bauernhof, mitten auf einer Alm im Allgäu, ich habe schon Schwielen vom Schaufeln an den Händen, die Kinder (Frederik, 9, Oliver, 7, und Elisa, 2) sind selig: Hühner zum Gucken, Kaninchen zum Streicheln und nebenan eine Familie aus den Niederlanden. Mit zwei Töchtern.

Sie ahnen, wie es weitergeht, oder?

Die erste Liebe

Die beiden heißen Femke, 9, und Nynke, 7, und während ich das hier schreibe, wickeln die zwei sich wahrscheinlich den Schal für die Stallzeit um den Hals und nebenbei meinen kleinen Oliver um den Finger. Vor allem Nynke hat es ihm offenbar angetan.

Wie ein preußischer Zinnsoldat stolziert sie in ihren viel zu großen Gummistiefeln durch den Stall und begrüßt jede Kuh einzeln. Und Oliver hinterher. Sie füttern zusammen die Esel, überbieten sich gegenseitig im Glucksen und Albernsein und toben durchs Heu. Sie unterhalten sich über Literatur (Oliver liest gerade „Doktor Proktors Pupspulver“ von Jo Nesbo , so viel zum Niveau der Konversation), Misthaufen und Apfelstrudel. Geht es romantischer? Ich kann nicht anders, als den beiden zuzuhören, schaufele daneben Kuh Barbara eine große Ladung Gras vor die feuchte Nase.

Menschenskinder

Wer Kinder hat, hat was zu erzählen. Mal lustig, mal dramatisch, mal gestresst, immer liebevoll, also fast. In unserer Elternkolumne “Menschenskinder” verraten im Wechsel zwei Mütter und zwei Väter, wie sie mit ihren insgesamt zehn Kindern gut durchs Leben kommen.

Alle bisher erschienenen Kolumnen-Beiträge finden Sie hier.

Während Oliver und Nynke im Kälbchenstall verschwinden, muss ich an Josephine denken. Ach Josephine.

Ich war ein wenig älter als Oliver jetzt und mit meinen Eltern im Südfrankreichurlaub. Der Strand war nur über eine vierspurige Straße und eine Bahnlinie zu erreichen, deshalb verbrachten wir praktisch zwei Wochen in der etwas piefigen Ferienanlage. Was mich aber überhaupt nicht störte, im Gegenteil: Denn neben uns wohnte Josephine – dunkle Haare, dunkle Augen, helles Lächeln, eine hinreißende Lücke zwischen den Schneidezähnen – mit ihren Eltern, ihrer Schwester und Volvic, dem Hund.

“Ich verstand nicht viel und doch alles.”

Josephine sprach kein Deutsch, ich kein Französisch, wir beide wenig Englisch, aber irgendwie schafften wir es, uns am Abend zum Federball zu verabreden, vor dem Haus. Ich putzte mich ordentlich raus, das komplette Tennisdress von Stefan Edberg samt Schweißbändern, als hätte ich nicht eine Partie Federball an einem lauen Sommerabend vor mir, sondern das Wimbledonfinale, Centre-Court, mindestens. Josephine in ihrem apricotfarbenen T-Shirt ließ sich nichts anmerken, und wir spielten, bis es dunkel wurde, jeden Abend. Ich traf selten den Ball, wohl noch seltener den richtigen Ton, aber Josephine lächelte und antwortete. Ich verstand nicht viel und doch alles.

Am letzten Tag tauschten wir Adressen, und ich schrieb ihr Briefe auf Diddlmaus-Papier, meine Schwester half mit der Übersetzung. I hope you are well. How is Volvic? Josephine schickte mir ein Foto von sich, drei mal vier Zentimeter, schwarz-weiß, ich glaube, sie trug darauf dieses apricotfarbene T-Shirt. Ich stellte es auf meinen Schreibtisch.

“Jens ist verliebt”, neckte mich mein großer Bruder, ich ärgerte mich maßlos über diese infame Unterstellung. Und ahnte, wie recht er hatte. Dieses Herzklopfen, wenn da ein Brief durch den Schlitz klapperte. Dieses sehnsuchtsvolle Aus-dem-Fenster-Gucken. Dieses Tja-was-denn-eigentlich? So neu, so naiv.

Ach Josephine. Was wohl aus ihr geworden ist?

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Heinrich Heine, für den kopflose Verliebtheit wohl zeitlebens eher der Normal- als der Ausnahmezustand war, schrieb einmal: “In der Jugend ist die Liebe stürmischer, aber nicht so stark, so allmächtig, wie später.”

Tatsächlich? Das mit dem Stürmischen zumindest kann ich empirisch bestätigen: Oliver und Nynke wetzen durch den Stall, als wäre das hier Super Mario auf NES, und kichern dabei so aufgedreht wie Großtanten nach zehn Mon Cherie. Klingt nach RomCom-Idyll, I know.

Aber Vorsicht – Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Als wir vom Stall quer über den Hof zurück zur Ferienwohnung laufen, stöhnt Oliver: “Ach Mädchen, mein halbes Gehirn ist voll von Mädchen.”

Denn Nynke ist nicht das einzige. Da gibt es noch Emma aus der Vorschule. Leila mit den langen, blonden Haaren. Und natürlich Maren. Sie geht in die gleiche Klasse wie Oliver und war schon oft bei uns zu Besuch. Sie sieht Nynke ein bisschen ähnlich, dunkle Haare, dunkle Augen, Zahnlücke. Und mit Sinn für absurden Humor: Oliver erzählt einen länglichen Witz, bis er schließlich bei der Pointe angelangt ist, bin ich schon weggedämmert. Aber: “Maren hat sich kaputtgelacht und gesagt, sie will den Witz noch sechsmal hören.”

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Wenn das keine Liebe ist. Aber wie geht es dann mit Nynke weiter? Wird Oliver ihr Briefe schreiben? Vielleicht habe ich zu Hause noch was von dem Diddlmaus-Papier.

Eines von Heines späteren Gedichten geht übrigens so:

In welche soll ich mich verlieben,

Da beide liebenswürdig sind? …

Es gleicht mein Herz dem grauen Freunde,

Der zwischen zwei Gebündel Heu

Nachsinnlich grübelt, welch’ von beiden

Das allerbeste Futter sei.

Ob Heine damals auch Urlaub auf dem Bauernhof gemacht hat?

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