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Wie Thomas Deisler das Familienunternehmen Textil & Betten Deisler umstrukturiert




Thomas Deisler zog von Stuttgart zurück aufs Land nach Gundelfingen und übernahm das Matratzengeschäft seiner Eltern


Thomas Deisler zog von Stuttgart zurück aufs Land nach Gundelfingen und übernahm das Matratzengeschäft seiner Eltern


Foto: Fritz Beck / DER SPIEGEL

Als sich Thomas Deisler nach dem Wirtschaftspädagogik-Studium entschied, in den Familienbetrieb einzusteigen, wurde er von manchen für verrückt erklärt. Ob er wirklich in dieses Kaff zurückwolle? Um Matratzen und Socken zu verkaufen?

Er wollte. Deisler ging vor einigen Jahren aus Stuttgart zurück in seinen Heimatort, das bayerische Gundelfingen, und fing im Textil- und Bettengeschäft seines Vaters an. In ein paar Jahren würde er diesen Laden übernehmen, das war die Perspektive. Sie hatte sich erst mit der Zeit entwickelt. “Ich hatte nie das Gefühl in mir: Ich habe solche Lust, Matratzen zu verkaufen”, sagt der 31-Jährige heute. Dass er es dann doch tat, hatte mehrere Gründe: Dass niemand seiner Geschwister weiter machte. Dass er im Studium eine Frau fand, die mit ihm nach Gundelfingen kommen wollte. Und dass er eine Chance sah, den Laden zu seinem zu machen.

Die neue Garde

Etwa 30.000 Familienbetriebe stehen jedes Jahr vor einem Generationenwechsel, schätzt das Bonner Institut für Mittelstandsforschung (IfM). Künftig werden es wohl noch mehr werden: “In den kommenden Jahren, wenn der große Schwung der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen wird, werden auch die Unternehmensübergaben ansteigen”, sagt die IfM-Mittelstandsforscherin Rosemarie Kay. Daran werde auch Corona nicht viel ändern, mittelfristig zumindest.

Doch der Wechsel läuft selten ohne Konflikte ab. Wenn heute junge Chefs das Ruder übernehmen, dann sind das Digital Natives, aufgewachsen in einem vereinten Europa, mit größerem Bewusstsein für Klima und Umwelt. Sie wollen Traditionsunternehmen nachhaltiger, digitaler und zukunftsfähiger machen. Dazu kommt: In Zeiten der Globalisierung muss sich die junge Garde gegen Konkurrenten aus aller Welt behaupten. Und seit der Corona-Pandemie auch noch gegen eine neue Wirtschaftskrise.

  • Wie bewältigen junge Firmenchefs diese Herausforderungen?

  • Wie krempeln sie die Betriebe ihrer Eltern um – und zu welchen Schwierigkeiten führt das?

In der Reihe “Die neue Garde” stellt SPIEGEL Start Familienunternehmen vor, in denen jetzt die Jungen dran sind, und sucht Antworten auf diese Fragen.

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Dementsprechend strotzte er vor Ideen, als er im Geschäft anfing. “Ich hatte so viel gelernt im Studium, ich wollte so vieles verändern”, erinnert sich Deisler – nur um dann zu realisieren, dass das Tempo zu Hause ein anderes war. Er habe sich gefühlt, als habe sein Vater ihn gar nicht richtig machen lassen. Ernüchterung. “Jedes Nein, das mein Vater aus wirtschaftlichen Gründen entschied, war auch eine Wertschätzungsfrage.” Erst im Nachhinein habe er verstanden, dass das so nicht gemeint war.



Sieben Mitarbeiter hat der Betrieb Textil & Betten Deisler

Sieben Mitarbeiter hat der Betrieb Textil & Betten Deisler


Foto: Fritz Beck / DER SPIEGEL

Das kleine Geschäft in dem 8000-Einwohner-Ort hat schon einige Revolutionen durchgemacht, politische wie wirtschaftliche. Als Philipp Deisler sein Kaufhaus vor 178 Jahren gründete, sorgte gerade die industrielle Revolution für mächtige Umwälzungen. “Vorher gab es keine Konfektionsgrößen, man konnte nicht einfach ein Hemd kaufen”, erklärt Thomas Deisler, der heutige Inhaber. Wenn jemand bei seinem Ur-Ur-Urgroßvater ein Kleidungsstück kaufen wollte, dann musste er sich zuerst von ihm vermessen lassen.

Mit der industriellen Revolution kamen damals also die Konfektionen nach Deutschland. Heute kommt mit der digitalen Revolution Amazon nach Gundelfingen.

Die Digitalisierung hält Einzug im Matratzengeschäft

Das Online-Geschäft hat den Einzelhandel in den Kleinstädten hart getroffen: Traditionsläden schließen, in den Fußgängerzonen sieht man viele leere Schaufenster. Einerseits könne er verstehen, wenn viele Kollegen seiner Branche die Digitalisierung als Bedrohung wahrnehmen, sagt Deisler: “Wenn morgen das Internet abgeschaltet würde, wäre ich definitiv einer der Gewinner.” Aber er sagt auch: “Allein dadurch, dass die Digitalisierung stattfindet, muss ich mitmachen.” Augen zumachen? Geht nicht. Nur wer sich damit auseinandersetzt, setzt sich durch. Und wer wäre besser geeignet, sich diesen Entwicklungen zu stellen, als diejenigen, die damit aufgewachsen sind?

“Wenn morgen das Internet abgeschaltet würde, wäre ich definitiv einer der Gewinner”

Thomas Deisler

Menschen wie Thomas Deisler. Der 31-Jährige kaufte sich schon als Junge von seinem Taschengeld das erste Handy, ein Nokia. Er bezeichnet sich selbst als Google-Fanboy, die Webseite für den Laden programmierte er im Studium selbst.

Nachdem er Textil & Betten Deisler also zum Jahresbeginn 2018 übernommen hatte, holte er den Laden nach und nach ins neue Jahrtausend: Die alte Kasse, bei der man den Preis noch mit der Hand eintippte, ersetzte er durch eine mit Barcodescanner samt Warenwirtschaftssystem. Die Geschäftszahlen, die sein Vater noch mit der Hand notiert hatte, übertrug er in eine Excel-Tabelle – und stellte fest: Im Textilbereich zeigte die Kurve seit Jahren nach unten. Mit Textilien hatte sein Ur-Ur-Urgroßvater, der Handweber, einst angefangen. “Aber heute gibt es Socken an jeder Supermarktkasse”, sagt Deisler. Also traf er eine ziemlich radikale Entscheidung: raus mit den Textilien. Heute führt das Geschäft nur noch Kinderkleidung, ansonsten konzentriert es sich auf Betten und Matratzen.

Der Online-Shop kam – und musste wieder gehen

Sein Vater konnte dagegen kein Veto mehr einlegen. Der Laden sei zu klein für zwei Entscheider, sagte Thomas Deisler. “Natürlich tut das weh: wenn ich den Laden erbe und nach einem Jahr einen Räumungsverkauf mache.” Später habe sein Vater gesagt, dass es eine gute Entscheidung gewesen sei.

In anderen Punkten aber sollte der Senior Recht behalten.

Als Deisler mit der Idee für einen Online-Shop ankam, riet ihm sein Vater: zu viel Arbeit für zu wenig Mehrwert. Thomas Deisler wollte trotzdem an seine Idee glauben. Er steckte viel Mühe in den Online-Shop, doch die Bilanz war ernüchternd: Weil am Ende nur noch etwa drei Bestellungen pro Monat über die Website hereinkamen, stampfte er den Shop wieder ein. “Den Platzhirschen Amazon kann ich nicht vertreiben”, sagt Deisler.

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Es sind keine einfachen Zeiten, in denen alles in seine Hände fällt. Wenn man derjenige ist, der nach zig Generationen ein traditionsreiches Unternehmen fortführt, dann wünscht man sich vor allem eines: Bitte lass es nicht mich sein, der den Karren vor die Wand fährt. “Wenn ich selbst ein Unternehmen gründe und es den Bach runtergeht, dann ist das etwas anderes, als wenn ständig der Großvater und Urgroßvater auf dich herabschauen”, sagt Deisler.

Die Kunden blieben Deisler trotz Corona treu

Was für ein Gefühl ist es da wohl, wenn man den Laden vor gerade mal zwei Jahren übernommen und für viel Geld renoviert hat – und ihn dann für Wochen schließen muss? Das Coronavirus stellte Deisler vor eine Herausforderung, mit der keiner seiner Vorfahren konfrontiert war: In der 178-jährigen Betriebsgeschichte waren die Deislers nie gezwungen, ihren Laden dichtzumachen, selbst während der beiden Weltkriege nicht. Corona änderte das. “Wie viele Selbstständige fürchtete ich um meine blanke Existenz”, sagt Deisler, “von heute auf morgen hatte ich keine Einnahmequelle mehr”. Zwar reaktivierte er den Online-Shop kurzzeitig, doch der Umsatz über die Website war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Bisher sei er mit einem blauen Auge davongekommen, sagt Deisler. Weil ihm die Kunden treu geblieben seien. Und vielleicht auch, weil seine Branche davon lebt, das Zuhause der Menschen zu verschönern. Seit er den Laden wieder öffnen darf, seien die Auftragsbücher so voll, dass er gerade drei neue Mitarbeiter eingestellt habe. Für das Jahr 2020 erwartet er unterm Strich sogar ein Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr.

Gute Aussichten also – auch für eine mögliche siebte Generation im Matratzengeschäft? Schließlich haben Deisler und seine Frau drei kleine Kinder. Deisler hat sich nur so viel vorgenommen: Er will seinen Kindern immer zeigen, dass sie die Möglichkeit haben, den Laden weiterzuführen. Wie sie sich entscheiden, das sei aber ihre Sache.

Und wenn er der letzte Inhaber sein wird? Wenn der Laden mit ihm zu Ende gehen wird? “Darauf bereite ich mich schon heute vor”, sagt Deisler, “indem ich davon ausgehe.”

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