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Wiedervereinigung: “Die DDR war ein Kühlschrank für autoritäres Denken”




Sektorensperre in Berlin 1961: Die Mauer in den Köpfen


Sektorensperre in Berlin 1961: Die Mauer in den Köpfen


Foto: A9999 DB dpa/ dpa

SPIEGEL: Herr Baer, Sie sind 1960 als Zehnjähriger mit Ihrer Familie aus Spremberg in der Lausitz nach Westdeutschland geflohen – und zu DDR-Zeiten nie wieder zurückgekehrt. Haben Sie Ihre Heimat vermisst?

Baer: Ich bin nach der Wende oft dort hingefahren, das war mir sofort sehr vertraut – und ich bin den Menschen dort noch immer sehr verbunden. Insofern ist die DDR tatsächlich immer noch ein Stück Heimat. Aber sie fehlt mir nicht: nicht die Scheinheiligkeit, nicht die Schuldgefühle, nicht die Angst.






Foto: fotostudio_charlottenburg/ mattescheck-hedrich-fotografie

Udo Baer, geboren 1949 in der Niederlausitz, ist Diplompädagoge und promovierter Gesundheitswissenschaftler. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitbegründer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ und Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB). Über die Erfahrungen aus seiner therapeutischen Arbeit hat er zahlreiche Bücher geschrieben, zuletzt “DDR-Erbe in der Seele. Erfahrungen, die bis heute nachwirken”.

SPIEGEL: Angst? Wovor?

Baer: Vor den russischen Panzern und Soldaten zum Beispiel. Oder davor, verpfiffen zu werden. Ich habe auch sehr viele Leute kennengelernt, die fürchteten, wegen Republikflucht angezeigt zu werden. Solche Ängste sind ein zentraler Bestandteil von dem, was ich als “DDR-Erbe in der Seele” bezeichne.

SPIEGEL: Warum spielt darin auch Scheinheiligkeit eine Rolle?

Baer: In der DDR gab es zwei Welten: die öffentliche – und die private. Ich weiß von Lehrerinnen, die im Unterricht gegen Religion gewettert haben und dann später am Ausgang Zettel verteilten, auf denen privater Religionsunterricht zuhause angeboten wurde. Man wusste also nie, woran man bei jemandem war. Das wirkt sich bis heute auf das Verhalten mancher früherer DDR-Bürger aus.


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